Wider die Krise? Die Sozialfigur der Kritikerin

Vortragsreihe des DFG-Projekts im Sommersemester 2026

Um 1970 wird die Kunstkritik von dem sog. ‚erweiterten‘ Kunstbegriff herausgefordert: Das bis in die 1960er Jahre vorherrschende Primat der klassischen Bildkünste wird durch ephemere und zeitbasierte Kunstformen wie Konzept-, Performance-, und Videokunst in Frage gestellt. Zeitgleich treten in einer bis dato ungesehenen Vielzahl Kritikerinnen im androzentrisch geprägten Kunstbetrieb in Erscheinung und leisten Pionierarbeit bei der sprachlichen und methodischen Erschließung dieser neuen künstlerischen Ausdrucksfelder. Die Vortragsreihe fokussiert insbesondere auf den Film. Gerade hier entwickeln Kritikerinnen produktive Ansätze  in der Verknüpfung und Vermittlung bislang getrennter disziplinärer und medialer Bereiche – nicht zuletzt auch, weil ihnen dieses Medium die Möglichkeit zu geben schien, sich nicht nur in das Bestehende einzuschreiben, sondern ganz neue Felder aufzutun und diese durch ihre Perspektiven zu prägen.

Die erste (von insgesamt drei geplanten) Veranstaltungsreihe(n) des DFG-Projektes „Wider die Krise?“ im Sommersemester 2026 fragt vor diesem Hintergrund, wie ausdifferenzierte, entgrenzte Künste und ein sich am neuen Gegenstand ausbildendes Schreiben zusammenwirken, einander verstärken. Was für den Gegenstand gilt, gilt – so unsere These – gleichermaßen für seine Erschließung: Experimentiert wird auch hier mit neuen Ausdrucksformen, kollaborativen Schreibweisen und Versuchen neuer Narrativierungen, oft unter Verwendung interdisziplinärer Theorien. Wir wollen uns diese verschiedenen Versuche entlang ausgewählter Fallbeispiele genauer ansehen und dabei auch fragen: Wie geht eigentlich unsere eigene Fachdisziplin, die Kunstgeschichte, mit einem veränderten Gegenstand wie dem Film um? Wie können wir in unserem eigenen Schreiben Geschichte(n) nicht nur durch bisher ungehörte Stimmen ergänzen, sondern auch umformen? Diesen Fragen gehen die drei Vorträge von Alexandra Vinzenz, Angela Steidele und Sabeth Buchmann an Beispielen nach.

Donnerstag, 07. Mai 2026, 18 Uhr c. t., GABF 04/516

Dr. Alexandra Vinzenz (Universität Heidelberg)
Kunstgeschichte und Film – ein Blick auf die Anfänge des Mediums

Das Kino der Stummfilmzeit entwickelt sich technisch rasant – zugleich greift es Bilder aus dem kunsthistorischen Kanon auf und fügt diesem eigene hinzu. Den daraus resultierenden visuellen Prinzipien geht der Vortrag an ausgewählten Beispielen nach. Entsprechend dieser Beobachtung wenden sich auch Kunsthistoriker wie Erwin Panofsky dem Medium zu, was Fragen nach dem Umgang mit dem noch jungen Medium und der eigenen Fachdisziplin eröffnet.

Alexandra Vinzenz forscht und lehrt zur Kunst der Moderne und Gegenwart an der Universität Heidelberg. Insbesondere beschäftigt sie sich mit der Theorie und Geschichte des Films sowie mit interdisziplinären Bezügen zwischen bildender Kunst, Musik und Theater. 2025 vertrat sie eine Professur für Kunstgeschichte mit Schwerpunkt in der Kunstkritik und den Bildkünsten der Moderne an der Ruhr-Universität Bochum. Von 2019 bis 2023 wurde sie als Margarete von Wrangell-Fellow vom Land Baden-Württemberg gefördert. Seit 2024 ist sie Leiterin des Teilprojektes Visuelle Chiffren von Heimat in Bildender Kunst, Literatur und Film im Sonderforschungsbereich Heimat(en). Phänomene, Praktiken und Darstellungen und untersucht in ihrem Teilunterprojekt die visuelle Gestaltung des »Heimatfilms« seit den 1950er Jahren. Ihre Dissertation erschien 2018 unter dem Titel Vision ›Gesamtkunstwerk‹: performative Interaktion als künstlerische Interaktion im transcript Verlag.

Mittwoch, 10.06.2026, 18 Uhr c. t., HGA 10

Dr. Angela Steidele (Köln)
Der Rand als Zentrum. Angela Steidele über ihr Œuvre

Schon in ihrer literaturwissenschaftlichen Dissertation beschäftigte sich Angela Steidele, geb. 1968, mit »Doing Memories«: »Als wenn du mein Geliebter wärest.« Liebe und Begehren zwischen Frauen in der deutschsprachigen Literatur 1750-1850 (2003). Seitdem haben sie die »Fragen des Ein-, Um- und Erschreibens ungehörter Stimmen in bestehende Narrative« nicht verlassen. In Männerkleidern. Das verwegene Leben der Catharina Linck alias Anastasius Rosenstengel, hingerichtet 1721 (zuerst 2004, neu 2021) erforscht die Biographie einer historischen Transperson oder Lesbe, Geschichte einer Liebe. Adele Schopenhauer und Sibylle Mertens (2010) sowie Anne Lister. Eine erotische Biographie (2017) verfolgt die Lebenswege frauenliebender Frauen zur Goethezeit. Ihre biographische Praxis führte sie zu dem Werkstattbericht Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg (2018) sowie zu ihrer Poetik der Biographie (2019). Das Verhältnis von Quellen und Fiktion erkundet ihr erster Roman Rosenstengel (2015). In Aufklärung. Ein Roman (2022) misslingen gleich zwei Biographien. Steideles jüngster Roman Ins Dunkel (2025) führt ins Kino und damit in die Konstruktion von Wirklichkeiten, etwa auch die von Autobiographien. Buch- und genreübergreifend versucht sie stets, Geschichte und Geschichten sowie ihre Darstellung nicht durch eliminierte Frauen zu ergänzen, sondern gänzlich neu zu denken. In einer konzentrierten Werkschau wird sie uns von ihren Fragen erzählen und ihren Versuchen, so elegant wie möglich zu scheitern.

Mittwoch, 08.07.26, 18 Uhr c. t., Kunstsammlungen an der RUB

Prof. Dr. Sabeth Buchmann (Akademie der bildenden Künste Wien)

Von der ‚inneren Stimme‘ zu kollaborativer Sozialkritik 

Der Vortrag zeichnet am Beispiel von Yvonne Rainers zu Anfang der 1970er Jahre vollzogenen Wechsel von choreografischer zu filmischer Praxis die sukzessive (Selbst-)Kritik am Formenvokabular des Minimalismus nach. Von der These ausgehend, dass sich dieser Wechsel bereits viel früher als gemeinhin angenommen, d. h. zu Anfang der 1960er Jahre durch die Integration der (Erzähl-)Stimme angedeutet hat, werden im Vortrag die Feedbackeffekte zwischen künstlerischen und kritischen Artikulationsformen in den Blick genommen: Effekte, die sich, wie an Rainers in den 1970er Jahre entstandenen Essayfilmen gezeigt werden soll, in programmatischen Kollaborationen von Künstler*innen und Kritiker*innen manifestiert haben. Hierbei tritt, wie ich erörtern möchte, ein genreübergreifendes Interesse an den ästhetischen Bedingungen sozialkritischer Narrative zu Tage.

Sabeth Buchmann ist Kunsthistorikerin und -kritikerin und Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und Postmoderne an der Akademie der bildenden Künste, Wien. Sie ist Mitherausgeberin von PoLyPen – eine Reihe zu Kunstkritik und politischer Theorie (b_books, Berlin) sowie Beiratsmitglied von Texte zur Kunst, der European Kunsthalle und des Beirats des documenta Instituts in Kassel. Veröffentlichungen (Auswahl): Kunst als Infrastruktur des Ästhetischen (2023), Broken Relations: Infrastructure, Aesthetic, and Critique (2022, Mit-Hg.), Putting Rehearsals to the Test. Practices of Rehearsal in Fine Arts, Film, Theater, Theory, and Politics (2016, Mit-Hg.). Buchmann hat mehrere Aufsätze über Silke Otto-Knapps Werk verfasst sowie für den 2020 von Sigrid Sandström herausgegebenen Reader Material Matters. Painting and its Materialities ein Gespräch mit der Künstlerin geführt (Material Behaviour. Conversation between Silke Otto-Knapp and Sabeth Buchmann).